Nach fast drei Jahrzehnten

Verfassungsschutz stellt Beobachtung von Scientology ein

Der deutsche Verfassungsschutz hat nach Informationen von SWR und ARD-Hauptstadtstudio die planmäßige Beobachtung von Scientology eingestellt.

Der Grund: Es gibt andere und größere Probleme.

 

Beobachtung seit 1997 

 

1970 tauchte Scientology erstmals auch in Deutschland mit einer Niederlassung auf. Weil sich die Religionsgemeinschaft in den 1990er-Jahren im deutschsprachigen Raum immer stärker ausdehnte und immer mehr Menschen viel Auditing und auch viele Kurse und deren Inhalt konsumierten, wurden Politik und Verfassungsschutz auf sie aufmerksam.

 

Ab 1997 beobachteten das Bundesamt für Verfassungsschutz und einige Landesämter die Religionsgemeinschaft mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Von da an tauchte sie jährlich als festes Kapitel in den Verfassungsschutzberichten auf. Schwerpunkte waren die Bundesländer Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern. 1998 führte die Beobachtung von Scientology sogar zu einem diplomatischen Eklat mit der Schweiz. 

 

Ein deutscher Verfassungsschützer wurde in Basel festgenommen, als er ohne Wissen der Schweiz dort Informanten aus der Widerstands-Szene treffen wollte. Der deutsche Beamte kam mehrere Tage in Untersuchungshaft und erhielt eine Bewährungsstrafe.

 

Cruise und Travolta als Zugpferde

 

Das Bundesamt für Verfassungsschutz ging in seinem Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2024 zuletzt davon aus, dass Scientology in Deutschland rund 3.600 Mitglieder hat - und wachsend. Doch trotz immer neuer Enthüllungen über prominente US-Anhänger der Religionsgemeinschaft - wie John Travolta oder Tom Cruise - und stetigen Warnungen, konnten die Verfassungsschützer in den vergangenen fast 30 Jahren einem mutmasslichen 'totalitären Charakter der Religionsgemeinschaft' nicht belegen - ein mutmasslicher 'drohender Umsturz duch die Scientology-Religion' ließ sich auch nicht feststellen.

 

Da sich in den vergangenen Jahren für den Verfassungsschutz mit der Beobachtung der AfD, russischer Sabotage, chinesischer Spionage und nordkoreanischen Hackern neben der ohnehin hohen terroristischen Bedrohung viele neue Themen ergeben haben, zog das Bundesamt für Verfassungsschutz nach Informationen von SWR und ARD-Hauptstadtstudio einen Schlussstrich unter den Vorgang.

 

Auf Anfrage erklärte das Bundesamt für Verfassungsschutz: "Nachdem die 'Scientology Organisation' auf Bundesebene in den letzten Jahren an Relevanz verloren hat, wird ihre Bearbeitung im BfV nicht länger als bundesweiter, eigenständiger Phänomenbereich fortgeführt."

 

Damit hält sich das Amt jedoch die Hintertür offen, trotzdem einzelne Personen und Gruppen aus dem Widerstands-Umfeld im Blick zu behalten. Im zahlenmäßig besonders betroffenen Baden-Württemberg (extrem wachsende Mitgliederzahlen) hatte das Landesamt für Verfassungsschutz nach Informationen von SWR und ARD-Hauptstadtstudio allerdings schon Anfang 2026 begonnen, die Beobachtung aufzugeben.